Prof. Ulrich Nissen, NEW-Stiftungsprofessor für Controlling

Energieeffizienz für Fortgeschrittene: Der Energieverbrauch sinkt, der Wettbewerbsvorteil steigt

© privat/Fotograf: Roman Bracht

Ein paar heilige Kühe wurden angetastet. Vor allem aber brachte der Zusammenschluss zu einem Energieeffizienz-Netzwerk die entscheidende Dynamik und notwendigen Impulse für sieben Unternehmen am Niederrhein, ihre Energieeffizienz zu steigern. Der Anteil der Energiekosten war bei den Industrieunternehmen aus Neuss, Krefeld und Umgebung in den vergangenen Jahren spürbar gestiegen. Sie agieren in unterschiedlichen Branchen und produzieren energieintensiv: ein Kartonhersteller, ein bekannter Mehlproduzent und eine bekannte Großbäckerei sind unter den Teilnehmern. Insgesamt beschäftigen die sieben Betriebe circa 4.500 Mitarbeiter. Zuvor hatte jeder Betrieb bereits im Alleingang daran gearbeitet, die Energieeffizienz zu verbessern und Energiekosten zu reduzieren. Sechs von ihnen hatten zertifizierte Energiemanagementsysteme. Der eine oder andere Erfolg stellte sich auch ein.

Enorme Effizienzpotenziale liegen brach

Doch seit die sieben Betriebe sich im Dezember 2015 auf Initiative der IHK Mittlerer Niederrhein zu einem moderierten Netzwerk mit dem programmatischen Namen „Energiekostenmanagement DIALOG“ zusammenschlossen, wissen sie, welche Effizienzpotenziale sich tatsächlich in ihren Unternehmen verstecken. Für die vierjährige Laufzeit verpflichtete sich das Netzwerk insgesamt 79,5 Millionen Kilowattstunden (kWh) Energie einzusparen Das entspricht dem durchschnittlichen Jahresstromverbrauch von mehr als 20.000 Drei-Personen-Haushalten, so hat die IHK berechnet. Den Ausstoß des klimaschädlichen Treibhausgases Kohlendioxid wird das Effizienz-Netzwerk im gleichen Zeitraum schätzungsweise um 35.500 Tonnen CO2 verringern können.

Die Initiative Energieeffizienz-Netzwerke ist eine Maßnahme des Nationalen Aktionsplans Energieeffizienz (NAPE) der Bundesregierung und startete vor zweieinhalb Jahren. Das Ziel der von großen Wirtschaftsverbänden gemeinsam mit dem Bundeswirtschafts- und Bundesumweltministerium getragenen Initiative ist es, dass sich 500 Effizienz-Netzwerke bis im Jahr 2020 etablieren sollen, um den CO2-Ausstoß insgesamt um rund fünf Millionen Tonnen zu verringern. Das entspräche dem jährlichen CO2-Ausstoßes einer mittleren Großstadt. Effizienz ist ein Schlüssel zur Senkung des Energieverbrauchs und zum Klimaschutz.

„Energieeffizienz lohnt sich für Unternehmen“

Das Netzwerk am Niederrhein kann durch Umsetzung der geplanten Effizienzmaßnahmen die Energiekosten seiner Teilnehmer während der vier Jahre um insgesamt 4,4 Millionen Euro verringern. „Energieeffizienz lohnt sich für die Unternehmen“, davon war Professor Ulrich Nissen überzeugt, als er die Moderation und Energieberatung des Netzwerks am Niederrhein übernahm. Nissen hat die NEW-Stiftungsprofessur für Controlling und Energiemanagement an der Hochschule Niederrhein inne und begleitet das Netzwerk mit seinem Doktoranden. Von vornerein schwebte Nissen ein Netzwerk vor, das Energieeffizienz für Fortgeschrittene bietet. Er will zeigen, dass sich Effizienzmaßnahmen wirtschaftlich rechnen, eine Angelegenheit des Unternehmenscontrollings sind, die Wettbewerbsfähigkeit verbessern und den Unternehmenswert steigern.

Abwärme ist einer der „dicken Brummer“ beim Energieverbrauch

In der Startphase ging es darum, die brachliegenden Energiesparpotenziale in jedem Betrieb systematisch zu ermitteln. Dazu analysierten Nissen und Harfst schwerpunktorientiert den jeweiligen Energieverbrauch. Das Resultat: „In der Regel sind es wenige Prozesse im Unternehmen, die 80 Prozent des Energieverbrauchs ausmachen“, erklärt Nissen. Im Fachjargon: „significant energy users“. Nissen nennt sie „die dicken Brummer“. Exemplarisch zählt er auf: alte Druckluftstationen und -systeme, die weder optimale Wirkungsgrade noch Wärmerückgewinnung und zudem Leckagen aufweisen. Abwärmenutzung generell habe enormes Energiesparpotenzial. Ebenso wurden Energieverschwendungen bei Antriebsprozessen, bei der Wärmedämmung von Hochtemperaturöfen sowie der Energieversorgung von Gebäuden identifiziert.

Ranking der größten Energieschlucker

Die „dicken Brummern“ wurden für jeden Teilnehmer je nach Höhe des Energieverbrauchs in ein Ranking gebracht. Alle Betriebe bekamen die Hausaufgabe, zu ermitteln, welche Faktoren den jeweiligen Verbrauch ihrer energieintensiven Prozesse beeinflussen. Die Teilnehmer profitieren generell vom Erfahrungsaustausch, dem gegenseitigen Lernen und dem Knowhow-Transfer im Netzwerk. Auch der sanfte Druck, der mit der Selbstverpflichtung zu einem gemeinsamen Energiesparziel entsteht und der gegenseitige sportliche Ansporn bewirken den Erfolg. Unternehmer können Entscheidungen für Investitionen in Effizienzmaßnahmen dank der Erfahrungen im Netzwerk gezielter treffen.

Brückenschlag zwischen Energiemanagement und Controlling

Auf Basis der Einsparpotenziale des Netzwerks am Niederrhein wurden Effizienzmaßnahmen für jeden Betrieb ermittelt und mit einer speziellen Formel die Wirtschaftlichkeit sowie die Steigerung des Unternehmenswerts mit berechnet. Vor allem die in Zahlen vorliegende Steigerung des Unternehmenswerts bewirkte, dass die jeweilige Geschäftsleitung vorgeschlagene Effizienzmaßnahmen genehmigte und umsetzte. Die Prognose für die gesamte Wertsteigerung aller sieben Unternehmen ist beeindruckend: Sie liegt laut Nissen bei insgesamt circa 17,5 Millionen Euro. Durch Effizienzmaßnahmen können sie zusammengenommen ab 2018 jedes Jahr 1,7 Millionen Euro Energiekosten sparen.

Fakten zum Projekt

  • Effizienzmaßnahmen:
    u.a. Optimierung von Druckluftsystemen, Antriebsprozessen und Energieversorgung von Gebäuden, Dämmung von Hochöfen, Abwärmenutzung
  • Energieeinsparung:
    79,5 Mio. kWh in allen 7 Betrieben über Laufzeit von 4 Jahren
  • Energiekosteneinsparung:
    4,4 Mio Euro in allen 7 Betrieben über Laufzeit von 4 Jahren